Tao und Recht

Gibt es Gerechtigkeit ?

Vom Ursprung gelöst /redet man von Menschenliebe und Gerechtigkeit.                                                                            

( Laotze, Tao Te King, 18.Spruch)

Gerechtigkeit scheint wieder ein brennendes Thema zu sein. Immerhin nannte niemand Geringerer als der  frühere  Präsident des OLG Wien Harald Kramer in seiner Abschiedsrede das Streben nach Gerechtigkeit , nach der guten und gerechten Ordnung  (ius est ars aequi et boni !) als Quintessenz richterlichen Handelns.  Auch die  „Ungerechtigkeiten“ im Umfeld der Wirtschaftskrise, insbesondere die enormen Bonuszahlungen an die Manager der mit Steuergeldern geretteten Banken, haben den Ruf nach Gerechtigkeit wieder laut werden lassen. Als ehemaligen  „Gerechtigkeitsfanatiker“ freut mich die Renaissance des  Gerechtigkeitsbegriffs in der juristischen Diskussion natürlich. Leider neige ich auch zum Grübeln und bin lange mit der Frage, was denn nun eigentlich gerecht sei, schwanger gegangen. Gibt es objektive Gerechtigkeit überhaupt?   Ich habe unter anderem in der Auseinandersetzung mit dem mehr als zweitausend Jahre alten Tao Te King, das dem mystischen chinesischen Weisen Laotze zugeschrieben wird,  für mich  zu einer überraschenden und gleichzeitig zufrieden stellenden Antwort gefunden, die ich gerne mitteilen und zur Diskussion stellen möchte.

Wie dem eingangs zitierten Spruch unschwer zu entnehmen ist  schätzt Laotze Gerechtigkeit gering. Das ist für uns Westler irritierend, zählen wir Gerechtigkeit doch  zu den unbestritten höchsten menschlichen Werten. Worin liegt diese Geringschätzung begründet ?

Ich denke Laotze weist in obigem Spruch darauf hin dass Gerechtigkeit  bloß  ein Konzept ist.  Ein Konzept hat nur bedingt mit der Wirklichkeit zu tun.  The map is not the territory !   Das Konzept der Gerechtigkeit  bedingt das Konzept der  Ungerechtigkeit .  Auch darauf weist Laotze  hin: „ Wenn auf Erden alle das Gute als Gut erkennen, so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt „ (Tao Te King, 2.Spruch ). Erst  durch das Denken wird die Welt „ungerecht „ .Eine Ansicht, die  allerdings gestützt auf die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, auch Vertreter des herrschenden kritischen Rationalismus teilen . Die Welt  selbst  ist  einfach so wie sie ist. Erst durch unser Denken entsteht die Vorstellung , die Welt müsste anders sein, als sie ist; gerechter, besser, schöner etc.   Wenn  aber das Konzept mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, wessen Problem ist das : Das des Landes oder das der Landkarte ? Konzepte legen sich wie Schleier vor die Wirklichkeit. Sie verstellen denn Blick auf „das, was ist“ wie es im Zen heißt. Das liegt in der Natur des Verstandes begründet, der immer nur das  „wahrnimmt“ was er schon als „wahr“ erkannt hat; der nie originell ist, nichts Neues sehen kann. Dadurch wird der Blick eng. Die Wirklichkeit wird solange zurechtgebogen, bis sie den Vorstellungen von der Wirklichkeit entspricht. Insoweit verstellen Vorstellungen den Blick auf die Wirklichkeit. Deshalb auch die Aufforderung sowohl im Zen als auch im Neuen Testament die Wirklichkeit nicht vorschnell zu beurteilen bzw. überhaupt nicht zu urteilen, denn ,“ die Wirklichkeit liegt jenseits des Verstandes“ (Ramana Maharshi) .

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht über Gerechtigkeit diskutieren soll, man sollte sich nur daran erinnern, dass alles menschliche Denken letztlich bruchstückhaft, unvollkommen und relativ ist.

Und man sollte  sich dessen bewusst sein, dass es kein  absolut richtiges Konzept, keine absolute Gerechtigkeit, die als Idee über den Dingen schwebt, gibt. Es gibt viele Konzepte der Gerechtigkeit.  Zweifelsohne ist eine gemeinsame Vorstellung davon, was gerecht ist, gruppenbildend oder gar staatstragend ist. „Iustitia  Regnorum Fundamentum“  ist immerhin groß   am Tor zum Heldenplatz  zu lesen . Gerechtigkeit als Basis der Herrschaft.  Ein weiteres Konzept ist  die  populäre moderne „Theorie der Gerechtigkeit „ von Rawls,  in der Gerechtigkeit einfach der (fiktive) Grundkonsens der Bürger über die Verteilung von Reichtum und Macht in einer zu gründenden Gesellschaft ist; dies mit der listigen Zusatzbedingung, dass während der Verhandlungen niemand weiß, welchen Platz er später in dieser Gesellschaft einnehmen wird. Gerechtigkeit erscheint hier als  Verhandlungssache. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann weist m.E. zu Recht darauf hin , dass sich in der modernen pluralistischen Gesellschaft ein solcher gemeinsamer Nenner zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen  wohl nicht finden lässt, und betont statt dessen die „Legitimation durch Verfahren“ . Ein anderes Beispiel ist die im juristischen Alltag häufig auftauchende Gerechtigkeitsvorstellung   der Gleichbehandlung . Eine moderne Vorstellung , die in der Antike  wohl noch nicht bestand. Ich glaube auch, das sogenannte „Gerechtigkeitsgefühl“ ist nur ein Konzept, das daraus entspringt, dass sich das Gewohnte, Vertraute  irgendwie „richtig“ anfühlt.( „ gerecht“ leitet sich vom ahdt. Wort für richtig ab )  .

Diese Beispiele ließen sich  beinahe endlos weiterführen, zumal letztlich auch die Parteien im Prozess ihre eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen haben. Und häufig, noch bevor der Richter ihnen die richtige, d.h. dem Gesetz entsprechende Lösung „überstülpt“ einen Konsens finden, also eine neue gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellung entwickeln. Das Zivilrecht selbst ist- im Sinne der Aufklärer -ja auch nur ein aus der Vernunft geborenes Gerechtigkeitskonzept.  Die Einsicht , dass die Gerechtigkeit selbst nur ein Konzept ist und als solches immer wieder an der Wirklichkeit scheitert,  erleichtert, wie ich meine, die Arbeit  indem  sie von der Suche nach  d e r  gerechten Lösung entbindet und somit von der Versuchung fruchtlosen Grübelns befreit. Von den Parteien wird  m.E. auch gar nicht erwartet, dass der Richter Gerechtigkeit schafft, sondern nur, dass er in angemessener Zeit  eine  „ einigermaßen plausible, rational akzeptable Entscheidung trifft, die dem jeweils gegebenen Rechtsempfinden nicht völlig widerspricht „ Das reicht, um die friedenswahrende Funktion der Justiz zu erfüllen.

Weiters bedeutet es für die Praxis, dass man sich seiner eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen bewusst werden und diese offen legen sollte. Dies insbesondere dann, wenn man sich gezwungen fühlt, über das Gesetz hinaus auf   Gerechtigkeits- und Moralverstellungen zurückzugreifen, um  neues „Recht“  zu schaffen. 

Aber was liegt jenseits der Konzepte ? 

Auch diesbezüglich möchte ich  wieder auf Laotze  zurückgreifen.  Im 19. Spruch  des Tao Te King heißt es :„Hört auf , Menschenliebe und Gerechtigkeit zu fordern, und die Gewissheit des Einsseins wird gefördert „. So wie das Denken die Dualität entstehen ließ, so führt umgekehrt die Abkehr von Konzepten und Begriffen zu einer Öffnung des Bewusstseins. Wer sich von der Welt keinen Begriff mehr macht, kann die ursprüngliche Verbundenheit allen Seins fühlen. Aus Taiji, der Polarität von Yin und Yang, wird wieder Wuji, der Zustand ursprünglicher Einheit. Das bedeutet, sich der Einheit mit dem Tao bewusst werden.  Oder wie es im Zen heißt: Die Welle ist das Meer. Daraus ergeben sich natürlich vollständig andere Perspektiven. Mit den Worten der Gehirnforschung könnte man sagen: Konzepte entstehen in der linken, der rationalen Gehirnhälfte, während das Einheitsbewusstsein der rechten, kreativen und intuitiven Gehirnhälfte entspringt. Konzepte welcher Form auch immer führen zur Erstarrung und  fördern das Bewusstsein der Trennung  und blockieren so den  Einklang mit dem Sein/Tao. Aus der Perspektive des Wuji  dagegen steht der Mensch nicht mehr einer  feindseligen Welt gegenüber, die es zu verändern gilt, sondern erlebt sich selbst als Teil der Welt. Dinge  geschehen, ohne dass jemand da ist, der etwas tut (das Konzept des Wu Wei). Ideen kommen und gehen , ohne dass jemand denkt etc. Die Welt ereignet sich einfach und wir uns mit ihr. Der eigentliche Sitz des Einheitsbewusstseins ist – neben der rechten Gehirnhälfte – das Herz. Deshalb führt der Weg dort hin auch über das offene liebende Herz.  Mit den Worten des Kleinen Prinzen gesprochen:  Nur mit dem Herzen sieht man wirklich gut. Tschuang Tse, ein anderer berühmter Taoist formuliert es so: Tugend ( ein weiteres Konzept!) ist der Tod der „angeborenen Güte des Menschenherzens“, die allein den Menschen zu Echtheit und Einheit zurückgeleitet.  Oder  in den unerreicht klaren  Worten des hl. Augustinus: Liebe und tue was du willst.

Zusammenfassend kann man festhalten: Es existieren zwei Bewusstseinebenen, zwei Welten, wenn man so will. Die Welt der Einheit ( des Tao ) und die Dualität. Das Sakrale und das Profane. Die Welt des Geistes und die Welt der Formen. Je nachdem in welchem Bereich man sich bewegt, macht es Sinn von Gerechtigkeit zu sprechen oder auch nicht.

Zitiert nach K.O. Schmidt, Tao Te King, Drei Eichen Verlag ,1996

Abgedruckt in RZ 9/ 08 .

Vgl. das Buch des ehemaligen Richters des Bundesverfassungsgerichtshofs Paul Kirchhof , Das Maß der Gerechtigkeit. Bringt unser Land wieder ins Gleichgewicht ! Droemer Knaur 08/ 2009

Zumindest habe ich mir angemaßt  ein Plädoyer für die Gerechtigkeit zu halten ;unter dem Titel „ Positivismus, Rechtspositivismus, Gerechtigkeit oder: Ein Plädoyer für die Gerechtigkeit „  abgedruckt in  der Actio 2/2002

  Alfred Korzybski ( 1880-1950) ein Vertreter der analytischen Philosophie prägte diesen Satz

Gleichzeitig auch eine gute Erklärung dafür, warum sich das sich das „Böse“ in der Welt der Dualität nicht ausrotten lässt.

Vgl. das jüngst erschienene Buch von Michael Schmidt – Salomon, Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind. Pendo Verlag ,München 2009

Ramana  Maharshi, Die essentiellen Lehren. J.Kamphausen Verlag, 2.Aufl. 2006, S 36

So Georg Kohler, Ordinarius für politische Philosophie an der Universität Zürich in der Neue Züricher Zeitung vom 17. Februar 2007, „ Entscheidungszwang, Unparteilichkeit, Fairness. Über das System des Rechts und die Tugend des Richters „ NZZ Online

Richard Wilhelm übersetzt Tao , angelehnt an das gr. Logos mit SINN . Tao ist eigentlich unübersetzbar; es entspricht dem „Urgrund allen Seins“ bei Meister Eckhart  (dt. Mystiker 1260 – 1328) und dem Unmanifesten bei Eckhard Tolle in seinem spirituellen Bestseller JETZT. Die Kraft der Gegenwart. Willigis Jäger der berühmte dt. Benediktinermönch und Zenlehrer  nennt in einer seiner Predigten die Liebe als Urgrund allen Seins.  Gerechtigkeit ist für Meister Eckhart gleichbedeutend mit diesem Einssein; vgl. z. B. Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, herausgegeben von Josef Quint, Hanser Verlag 1977, S. 207

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hallo, dies ist ein Kommentar.
    Um mit dem Freischalten, Bearbeiten und Löschen von Kommentaren zu beginnen, besuche bitte die Kommentare-Ansicht im Dashboard.
    Die Avatare der Kommentatoren kommen von Gravatar.

Antworte auf den Kommentar von Ein WordPress-Kommentator Antwort abbrechen